BrasilienKirche, Glaube & Religionnatürlich # ethisch # wertvoll

Sorgen ernst nehmen, aber den Mehrwert bedenken

von Heike Hänscheid, Münster – Chancen der Zusammenarbeit nutzen: Für Sebastian Reimann, Pastoralreferent in der kürzlich neu entstandenen Gemeinde St. Nikolaus in Münsters Südosten, ist das Thema „Eine-Welt-Arbeit“ eine Herzensangelegenheit. Dabei kennt er durchaus die Fallstricke, die bei einer Gemeindezusammenführung gerade diesem sensiblen Bereich drohen. „Zuerst muss man voneinander wissen“, ist deshalb für ihn der wichtigste Punkt für eine zukunftsfähige Zusammenarbeit im Rahmen einer fusionierten Pfarrei.

In seiner Ausbildungsgemeinde im Münsterland, die aus zwei Pfarreien entstanden war, lag die weltkirchliche Arbeit in den Händen von drei Gruppen. Die holte der junge Mann, der während seines Studiums ein Praktikum in Brasilien absolviert hatte, zunächst zu Kennenlernen und Austausch an einen Tisch, ehe der Pfarrgemeinderat einen Sachausschuss „Eine Welt“ gründete, um die Arbeit der bestehenden Gruppen zu unterstützen. „Das haben wir dann zum Beispiel mit einem professionell und liebevoll gestalteten Flyer getan, der die Arbeit der drei Gruppen und ihre unterschiedliche Ausrichtung vorstellte“, so Reimann, dem für seine jetzige Gemeinde Ähnliches vorschwebt.

Eine-Welt-FlyerSelbst, wenn die einzelnen Gruppen – in Münsters Südosten sind es im weitesten Sinn neun Eine-Welt-Kreise in den vier Gemeindeteilen – weiterhin ihre Eigenständigkeit betonen und die eigenen Strukturen bewahren wollen, gibt es viele Möglichkeiten der Frucht bringenden Zusammenarbeit: eine Einkaufsgemeinschaft für den Fairen Handel, ein gemeinsamer Internet-Auftritt mit Verlinkungen und einer Weltkarte zu den einzelnen Projekten, ein gemeinschaftlicher Flyer zur Vorstellung der Aufgaben, Projekte und Partnerschaften, eines Tages möglicherweise ein gemeinsames Spendenkonto. „Vieles ist noch Zukunftsmusik“, weiß Reimann, aber der Anfang ist gemacht: Auch in St. Nikolaus hat ein Runder Tisch getagt, haben sich die Engagierten aus den Gemeinteilen bekannt gemacht und ihre jeweilige Geschichte erzählt.

Als eine Art Initialzündung sieht der Pastoralreferent den Anschub, den er als Ansprechpartner für das Thema Weltkirche am Anfang des gemeinsamen Weges geben möchte. Denn er kennt eben auch die Schwierigkeiten, die beim Zusammentreffen unterschiedlicher Arbeitsmodelle entstehen können. „Da gibt es schon die Sorge um Konkurrenz“, so hat er es in der Ausbildungsgemeinde erlebt: „Werden die Spendengelder für unser Projekt weniger? Wo bleiben unsere Versammlungs- und Verkaufsorte, wenn Gemeindeflächen abgebaut werden? Wie können wir unsere jeweiligen (Partnerschafts-)Projekte weiter am Leben erhalten?“ Solche Fragen spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle und müssen sowohl von den Gremien der neuen Gemeinde als auch vom Seelsorgeteam ernst genommen werden. Sebastian Reimann ist zuversichtlich, dass mit dem guten Willen aller Beteiligten und gegenseitiger Toleranz die Eine-Welt-Arbeit künftig eine große Chance für eine weltkirchliche Ausrichtung der ganzen Gemeinde bekommen kann.

„Mir schwebt zum Beispiel ein Eine-Welt-Tag als Friedens- oder Schöpfungstag für St. Nikolaus vor“, so blickt er in die Zukunft, in der er gerne mit den Verantwortlichen neue Wege beschreiten will: Durch die Einbringung neuer Themenfelder wie Klimabilanzen, Klimagerechtigkeit oder Altkleider-Problematik, könne man auch jüngere Menschen ansprechen und auf neue Vernetzungen bauen. „Eine best-practice-Liste zu unseren Themen Eine-Welt-, Umwelt- und Friedensarbeit wäre sicher auf Dauer auch für das ganze Bistum spannend“, wünscht er, dass diese Themen nicht im Alltag der Strukturen-Diskussionen verloren gehen.

Wertschätzung des Bestehenden und bisher Geleisteten, Erstnehmen der Sorgen und Ängste vor Veränderungen, vor allem das Mut-Machen, dass es nicht um eine „Vereinheitlichung“ geht, sondern um einen Mehrwert für Menschen und Gemeinde, das ist für Sebastian Reimann die Basis, von der aus neue Wege gelingen können.

 

Dieser Beitrag ist erschienen in der Arbeitshilfe „Größere Räume – größere Chancen? Kirchliche Eine-Welt-Arbeit in fusionierenden Gemeinden“ (Download). Herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft Eine-Welt-Gruppen im Bistum Münster und in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Mehr Infos hier: www.bistum-muenster.de/weltkirche